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14.06.2006

Deutscher Stahlbaupreis für Gedenkstätte Sachsenhausen 'Station Z'

Prof. HG Merz Architekten erhalten für die Gedenkstätte 'Station Z' beim ehemaligen KZ Sachsenhausen in Oranienburg den mit 10.000 EURO dotierten Preis des Deutschen Stahlbaues 2006. An der Planung mitgewirkt haben die IGB Ingenieurgruppe Bauen und Werner Sobek Ingenieure GmbH bei der Membranplanung. Die Jury bekundete ihren Respekt für die Lösung dieser schwierigen Bauaufgabe.

Auszug aus der Laudatio: "Nach einer eher verharmlosenden landschaftsplanerischen Gestaltung galt es, mit der Neubebauung einen Perspektivwechsel zu erreichen, der auf Symbolik und Pathos verzichtet. Im Fokus sollte deshalb das 'verdorbene' Gelände liegen, die Architektur sich nur als zu ahnender, nebulöser Umraum darüber spannen.

Von außen deutet eine umlaufende Bodenfuge an, dass dieses Bauwerk (und was darin stattfindet) keine Berührung mit dem Ort eingehen will. Die Konsequenz war, dass auch das Tragwerk unsichtbar bleiben musste. Bei einer Fläche von fast 40 x 40 Metern, die stützenfrei zu überspannen war, bot ein räumliches Stahlfachwerk die einzig schlüssige Lösung. Es wird von einer transluzenten Membran umhüllt, die nur das stützende Raster eines Gitterrostes als technische Hilfskonstruktion ahnen lässt und der milchweißen Fläche einen Maßstab gibt."
Zusätzlich erhielten 10 Objekte im Rahmen des Wettbewerbs eine Auszeichnung. Der Preis des Deutschen Stahlbaues ist einer der ältesten Architekturpreise Deutschlands und wird alle zwei Jahre von BAUEN MIT STAHL e.V. ausgelobt. Die Preisverleihung erfolgt auf dem Deutschen Stahlbautag am 13. Oktober 2006 in Dresden. Der letzte Preis ging an gmp – von Gerkan Marg und Partner Architekten gemeinsam mit Krebs und Kiefer – Beratende Ingenieure für den Umbau des Berliner Olympiastadions.

Preis des Deutschen Stahlbaues 2006: Gedenkstätte Sachsenhausen 'Station Z'
Architekt: Prof. HG Merz Architekten, Stuttgart und Berlin
Sebastian Reinhardt (Projektleitung), Dietmar Bauer, Uli Lechtleitner,
Mara Lübbert, Johannes Schrey, Michel Weber
Ingenieur: IGB Ingenieurgruppe Bauen, Berlin
Membranplanung: Werner Sobek Ingenieure GmbH, Stuttgart
Stahlbau: STS Stahltechnik GmbH, Delmenhorst (Niederlassung Nord)
Bauherr: Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, Oranienburg


Preis des Deutschen Stahlbaues 2006 – 10 Auszeichnungen

Dockland, Van-der-Smissen-Str. 9, Hamburg
Architekt: BRT Architekten Bothe Richter Teherani, Hamburg
Ingenieur: Ingenieurbüro Dr. Binnewies Ingenieurgesellschaft mbH, Hamburg
Geschäftsstelle des Verbandes Südwestmetall in Heilbronn
Architekt: Dominik Dreiner, Gaggenau
Ingenieur: Werner Sobek Ingenieure GmbH, Stuttgart
Aftersales – Trainingslager der BMW Group, Unterschleissheim
Architekt: Ackermann + Partner Architekten BDA, München
Ingenieur: Dipl.-Ing. Christoph Ackermann, beratendes Ingenieurbüro, München
Mitarbeiterrestaurant Firma Boehringer Ingelheim Pharma KG, Biberach a. d. Riss
Architekt: Kauffmann Theilig & Partner Freie Architekten BDA, Ostfildern
Ingenieur: Pfefferkorn Ingenieure, Beratende Bauingenieure VBI, Stuttgart
Dokumentationshaus Hinzert – An der Gedenkstätte Hinzert
Architekt: Wandel Hoefer Lorch + Hirsch, Saarbrücken
Ingenieur: Schweitzer GmbH, Beratende Ingenieure, Saarbrücken
Sporthalle an der Europastraße, Tübingen
Architekt: Allmann Sattler Wappner Architekten GmbH, München
Ingenieur: Werner Sobek Ingenieure GmbH, Stuttgart
Neubau Schwarzbergschanze Klingenthal
Architekt: m2r-architecture, Berlin-Schöneiche
Ingenieur: Arup GmbH, Düsseldorf
AWD-Arena / Niedersachsenstadion, Hannover
Architekt: Schulitz + Partner Architekten, Braunschweig
Ingenieur: Eilers + Vogel, Hannover
RFR-Stuttgart, Stuttgart
Bürowelten am Elbschlosspark, Hamburg
Architekt: BRT Architekten Bothe Richter Teherani, Hamburg
Ingenieur: Ingenieurbüro Dr. Binnewies Ingenieurgesellschaft mbH, Hamburg
Überdachung ZOB Herne
Architekt: Partnerschaft Heiderich Hummert Klein Architekten, Dortmund
Ingenieur: Bollinger & Grohmann, Frankfurt a. M.

Die Jury tagte am 11. Mail 2006 in Köln und stand unter der Leitung von Prof. Dipl.-Ing. Architekt Karl Heinz Petzinka.
Mitglieder der Jury waren:
Dr.-Ing. Wolfgang Bachmann
Chefredakteur Baumeister, Callwey-Verlag, München
Dipl.-Ing. Architekt BDA Mark Braun
markbraun architekten, Berlin
Univ.-Prof. Dr.-Ing. Gerhard Hanswille
Bergische Universität Wuppertal, Abt. Bauingenieurwesen
Dipl.-Ing. Architekt Hubert Nienhoff
gmp Architekten von Gerkan, Marg und Partner, Berlin
Dipl.-Ing. Franz-Werner Nolte
Geschäftsführer Deutsche Post Bauen GmbH, Bonn
Prof. Dipl.-Ing. Architekt Karl Heinz Petzinka (Vorsitzender)
Vorsitzender der Geschäftsführung THS Wohnstätten GmbH, Gelsenkirchen
Dipl.-Ing. Architekt Michael Schumacher
Schneider + Schumacher Architekturgesellschaft mbH, Frankfurt a. M.
Moderation:
Dipl.-Ing. Horst Hauser
Geschäftsführer BAUEN MIT STAHL e.V., Düsseldorf
Wanderausstellung
Die besten Objekten aus dem Wettbewerb um den Preis des Deutschen Stahlbaues 2006 werden zusammen mit den erfolgreichen Arbeiten des Förderpreises 2006 (Studentenwettbewerb) in einer Wanderausstellung gezeigt, die für zwei Jahre an verschiedensten Einsatzorten, vor allem an den Hochschulen, zu sehen sein wird.
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Vollständige Laudatio zum Preis:
Preis des Deutschen Stahlbaues 2006: Gedenkstätte Sachsenhausen 'Station Z'
Laudatio der Jury:
"Es gibt Bauaufgaben, um die man niemanden beneidet, die von vornherein jeden Optimismus, jede Begeisterung für die Architektur ausschließen. Das ehemalige KZ Sachsenhausen, in dem ein menschenverachtendes Regime mit technokratischem Kalkül Methoden der Vernichtung vervollkommnete, ist ein Ort, der sich für immer jeder kulturellen Verwertung entziehen muss. Nach einer eher verharmlosenden landschaftsplanerischen Gestaltung galt es, mit der Neubebauung einen Perspektivwechsel zu erreichen, der auf Symbolik und Pathos verzichtet.
Im Fokus sollte deshalb das „verdorbene“ Gelände liegen, die Architektur sich nur als zu ahnender nebulöser Umraum darüber spannen.
Die ausgeführte Umschließung bietet keinen Blick nach draußen, sie ruht als niedriges helles Medium über den Besuchern, das mit gleichmäßigen opaken Flächen für Wand und Decke von der Außenwelt trennt. Man befindet sich in einer besonderen Leere, die nur von Tageslicht erhellt wird. Damit wird die Gedenkstätte dem veränderlichen Lauf der Zeit und des Lebens zurückgegeben.
Von außen deutet eine umlaufende Bodenfuge an, dass dieses Bauwerk (und was darin stattfindet) keine Berührung mit dem Ort eingehen will. Die Konsequenz war, dass auch das Tragwerk unsichtbar bleiben musste. Bei einer Fläche von fast 40 x 40 Metern, die stützenfrei zu überspannen war, bot ein räumliches Stahlfachwerk die einzig schlüssige Lösung. Es wird von einer transluzenten Membran umhüllt, die nur das stützende Raster eines Gitterrostes als technische Hilfskonstruktion ahnen lässt und der milchweißen Fläche einen Maßstab gibt.
Das Stahlfachwerk darf vollkommen rätselhaft bleiben. Außen und innen sind keine Details zu erkennen. Insofern bleibt die Neugier auf das Tragwerk unbefriedigt, was in diesem Fall vollkommen der Bauaufgabe entspricht.
Fotos aus der Bauzeit lassen erkennen, dass sich keine elabonierten Details verbergen, sondern der Stahlbau lediglich eine unentbehrliche, dienende Funktion übernimmt – zugunsten des architektonischen Gesamtkunstwerkes.
Die geschweißten und geschraubten Verbindungen sind einfach, was die gutmütigen Eigenschaften dieses Materials erlauben. Wie Armierungseisen des Betons, der zwischen die Schaltafeln gefüllt wird, liegen die Stahlprofile im Luftraum zwischen den verspannten Membranen. Sie erfüllen unsichtbar die Hauptaufgabe der Architektur, die als kontemplativer Ort eine unbestimmte Annäherung und Auseinandersetzung mit der Geschichte erlaubt."

Preis des Deutschen Stahlbaues 2006: Gedenkstätte Sachsenhausen 'Station Z'
Entwurfskonzept der Architekten
Das Konzentrationslager Sachsenhausen in Oranienburg diente von 1936 bis 1945 der Ausbildung der KZ-Kommandanten und SS-Mannschaften und als Experimentierfeld für die 'Perfektionierung des KZ-Systems'. Nach der Befreiung wurden durch unterschiedliche Nutzungen die authentischen Spuren fast völlig getilgt.
Ein überdimensionales Betondach auf 9 m hohen Pylonen überspannte als Ergebnis der Mahn- und Gedenkstättengestaltung von 1961 die Relikte des ehemaligen Krematoriums der an das Lager angrenzenden 'Station Z'. Der zum Zeitpunkt des Wettbewerbs 1999 vorgefundene Ort war geprägt durch eine ebenso monumentale wie flüchtige Atmosphäre, die ein kontemplatives Gedenken verhinderte.
Ziel der Neukonzeption der Gedenkstätte, die die Gestaltung des Gesamtgeländes und die Planung des zentralen Gedenkortes 'Station Z' beinhaltet, war es, den verstellten Blick auf den eigentlichen Ort wiederzuerlangen. Dies machte Eingriffe erforderlich, durch welche die verschiedenen historischen Schichten neu bewertet und – mit einer Verschiebung des Augenmerks auf die wenigen originalen Relikte der NS-Lagerzeit – neu interpretiert
werden, soweit dies ohne Rekonstruktion überhaupt möglich ist.
Durch die angestrebte artifizielle Leere des Geländes und den als abstraktes Objekt konzipierten Schutz- und Kontemplationsbau über den Relikten wird jede Art von Symbolik und Pathos vermieden. Die objekthafte Hüllform nimmt in der Grundrissgestaltung Bezug auf das im Boden vorhandene Relief, vermeidet aber eine exakte Rekonstruktion des ursprünglichen Volumens. Die lichte Höhe im Innenraum wird auf 2,6 m begrenzt, um die gewünschte räumliche Dichte zu erzielen. Ausblicke nach draußen gibt es nicht, die Umgebung kann nur erahnt werden. Der Schutzbau geht durch die auf wenige Punkte reduzierte Auflagerung lediglich eine minimale Verbindung zum Boden ein. Die Konstruktion tritt bewusst in den Hintergrund.

Tragwerk:
Das Primärtragwerk der 4,10 m hohen Schutzhülle überspannt freitragend eine Fläche von etwa 37,40 m x 39,40 m. Die untere Begrenzung der Wände endet 60 cm über der Geländeoberkante. Das Tragwerk besteht aus einem räumlichen Stahl-Fachwerksystem mit geschweißten Knotenverbindungen, dessen Homogenität durch eine 22 m x 10 m große Öffnung innerhalb des Daches unterbrochen wird.
Die Dachebene besteht aus einem räumlichen Fachwerk mit Gurtquerschnitten 80 x 80 mm, Diagonalen d 20 - 30 mm und Pfosten aus 40 x 40 mm Quadratrohrprofilen in einem regelmäßigen Raster von 1 m. Der Abstand zwischen Ober- und Untergurtebene beträgt 87 cm (Achsmaß). Durch den Übergang von Vollquerschnitten auf Hohlprofile mit unterschiedlichen Wandstärken werden die Gurtprofile dem Beanspruchungsverlauf wirtschaftlich angepasst, gleichzeitig aber die architektonisch vorgegebenen äußeren Maße (80 x 80mm) beibehalten.
Raster und Querschnitte der Wände entsprechen den Abmessungen der Dachebene. Jede Wand besteht aus 2 Fachwerkebenen, die im Abstand von 87 cm hintereinander angeordnet sind. Die Fachwerkdiagonalen der Wandebenen laufen über drei Felder hinweg und werden als Voll- bzw. Rohrquerschnitte mit d 48 mm (Innenwand) bzw. d 38 mm (Außenwand) ausgeführt. In der untersten Ebene sorgt ein horizontaler Verband für die Abtragung der Horizontallasten zu den Auflagerpunkten, an denen die beiden Wandscheiben durch Auflagerträger miteinander verbunden sind. Die Auflagerung erfolgt auf 8 Betonsockeln (in der Regel in einem 6 m großen Abstand von den Wandecken) mit Elastomerlagern, die quer zur Wandrichtung fest, längs dazu beweglich ausgebildet werden.
Membran:
Eine besondere planerische Herausforderung lag darin, die formal bewusst reduzierte kubische Gesamtform mit einem transluzenten Werkstoff zu umhüllen, um ausreichend Licht in den ausschließlich natürlich belichteten Innenraum zu bringen, die Konstruktion aber in den Hintergrund treten zu lassen.
Als gleichzeitig großflächiger und transluzenter Werkstoff zum Bekleiden bot sich eine Membran an, die aber in diesem Fall – für das Material untypisch – in planen Flächen allseitig zu verspannen war. Die Verspannung sollte unsichtbar erfolgen. Zwischen Primärtragwerk und Membran wurde als Auflagerfläche eine Gitterrostebene vorgesehen. Der in diesem Konstruktionszwischenraum erzeugte Unterdruck sorgt für eine kontinuierlich ebene
Oberflächenstruktur. Von außen wie von innen präsentiert sich der Schutzbau als ein homogener Körper, dessen Transluzenz und Strahlkraft sich nur in Abhängigkeit vom natürlichen Licht zeigt.



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